Interview

Andreas Wilhelm im Gespräch mit Imre Török

„Schon ein lyrischer Tropfen höhlt den Stein der Barbarei“

7.10.2008

Lieber Imre,
seit 2005 bist du Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), den es nun seit fast vierzig Jahren gibt. Gleichzeitig bist du selbst Autor und schon seit langem im Kulturbetrieb tätig. Bevor wir auf die Arbeit eingehen, ein paar persönliche Fragen:
Wie bist du nach Deutschland gekommen, und was hat dich hier gehalten?
Das war nicht meine freie Entscheidung. Meine Eltern haben aus politischen Gründen Ungarn verlassen. Als Jugendlicher in der Fremde, ohne Kenntnisse der Sprache und Mentalität der neuen Heimat war es zunächst nicht gerade spaßig. Diese Jahre haben mich aber auch gelehrt, dass schwierige Lebenssituationen zum Engagement herausfordern. Von daher …
Fühlst du dich eher als Ungar oder als Deutscher? Persönlich, aber auch literarisch, was liegt dir näher?
… von daher hat das Wechselbad heimatsuchender Gefühle in jenen schwierigen Jugendjahren wohl zu dem Ergebnis beigetragen, dass ich inzwischen Ungarn wie Deutschland mit gleicher Nähe – oder auch mit Distanz? – erlebe. Ich habe wunderbare Vorlieben, die jeweils nur in dem einen Kulturkreis lebbar oder literarisch, sprachlich, kulinarisch zu genießen sind. Vielleicht schlägt mein Herz ein wenig intensiver ungarisch, während mein Denken etwas eher von Hölderlin, Kant oder Bloch geprägt ist.

Du hast Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen studiert. Welche Bedeutung haben diese Fächer heute für deine Arbeit?
Ein geisteswissenschaftliches Studium ist keine Voraussetzung für die literarische Arbeit, kommt ihr aber sicherlich zugute. Philosophie spielt in meinem Fall eher die Rolle, Pforten der Wahrnehmung zu öffnen, und ich habe bis heute nicht aufgehört, Philosophie zu „studieren“. Damit sie mich aus dem Takt bringt und gar nie das Gefühl aufkommen lässt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.

Naturgemäß hast du sehr guten und weit vernetzten Kontakt zu einer Vielzahl von Institutionen und Autoren in Deutschland. Mit dabei ist auch Martin Walser. Wie habt ihr euch kennen gelernt und was verbindet euch?
Da wir beide Mitglieder im selben Landesverband des VS sind, also in Baden-Württemberg, haben wir uns bei Literaturveranstaltungen schon in den 80er Jahren des öfteren getroffen. Der Schriftstellerin Johanna Walser, seiner Tochter, bin ich auch seit langem kollegial freundschaftlich verbunden. Mein erster Besuch im Hause Walser galt eigentlich ihr, und ich weiß noch, wie schüchtern ich am nächsten Tag dem Meister gegenüber saß. Manche spätere Momente der persönlichen Begegnung mit Martin, wie z. B. eine Nacht bei sehr viel Rotwein auf einem Schriftstellerkongress, habe ich auch literarisch festgehalten. Was mich mit ihm verbindet, ließe sich in der Kürze hier nur in banale Worte fassen. Etwas Auskunft gibt mein Geschichte „Umgebracht von Martin Walser“. Was Martin mit mir verbindet, könnte nur er
sagen.

Wie ist deine Meinung zu Martin Walsers polarisierender Rede in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998?
Ich fand sie nicht polarisierend, aber sicherlich zugespitzt und ich meine, dass wir Martin Walser wesentlich differenzierter sehen müssen, als es die Diskussion über seine Rede widerzuspiegeln vermocht hat. Ich war damals Landesvorsitzender des VS in Baden-Württemberg, und nachdem in manchen Reaktionen auf seine Rede der fatale Vorwurf des Antisemitismus erhoben worden war, haben wir auf Anregung meines Freundes Horst Brandstätter im Staatstheater Stuttgart eine solidarische Lesung veranstaltet. Wir lasen Texte von Walser, in denen er u. A. Auschwitz thematisiert und die wahrlich keinen Zweifel an seinen humanistischen Überzeugungen aufkommen lassen.
Erinnerung und Verarbeitung der deutschen Geschichte ist ein Thema, mit dem auch der VS viel zu tun hat. Ein Beispiel sind die Aktionen zum Jahrestag der Bücherverbrennungen. In wiefern siehst du Autoren und den Verband hier in einer besonderen Verantwortung?
Menschenwürdig Künftiges braucht auch die mahnenden Worte der Erinnerung. Die Ereignisse 1933 ff sind nur ein Beispiel, wenn auch eines der furchtbarsten, die offenbaren, wie schnell die dünne Humusschicht der Kultur verweht wird und der blanke Barbar zum Vorschein kommt.
Als eher Kulturpessimist, der jedoch mit Leib und Seele für eine kulturoptimistische Weltsicht und Zukunft kämpft, fürchte ich, dass uns globale Verteilungskämpfe verstärkt drohen, die abermals Menschengruppen in blutrünstige Horden verwandeln könnten. Ich bin oft traurig und entsetzt, dass Ereignisse wie in Bosnien, in Ruanda, im Sudan (Dafur) in einer „zivilisierten“ Welt möglich sind. Du kannst sagen, der Mensch sei nun mal von Natur aus schlecht. Oder du begreifst, dass dir dein Schicksal eine Erkenntnisfähigkeit mitgegeben hat, mit der du menschliche Natur auch persönlich ein ganz wenig zum vernünftig Besseren kultivieren kannst. Und dann hast du die verdammte Verantwortung, deine intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten entsprechend zu nutzen. Es geht jedoch nicht um Literatur als Moralpredigt. Schon ein lyrischer Tropfen höhlt den Stein der Barbarei. Man kann diese Verantwortungsbewusstheit nicht einer Berufsgruppe oder einem Verband aufoktroyieren. Man muss aber in den Grenzen eigener Möglichkeiten verantwortlich denken und handeln.

Allgemein betrachtet: Der VS ist ja keine Autorenvereinigung, sondern ein Autorenverband. Wie grenzt sich das eine vom anderen ab, hinsichtlich des Selbstverständnisses und der Aufgaben?
Autorenvereinigungen erfüllen viele sinnvolle Aufgaben für ihre Mitglieder, die ein Schriftstellerverband allein gar nicht immer leisten könnte. Als Berufsverband hingegen muss der VS die beruflichen Interessen aller literarischen Worturheber regional, national und international schützen, fördern und vertreten. Der Schriftstellerverband stellt relevante Informationen der gesamten Autorenschaft zur Verfügung, z. B. im Internet über „mediafon“ oder in Ratgebern und Newslettern, die vom Verband oder von seinen Mitglieder verbreitet werden.
Es gibt spezielle Leistungen, die der VS nur eigenen Mitgliedern anbietet, dazu zählt in erster Linie der berufliche Rechtsschutz. Er wird von jüngeren wie von arrivierten Autoren gleichermaßen in Anspruch genommen. Bei höheren Streitwerten mit ungewissem Ausgang könnte sich ein Autor ohne Rechtsschutz individuell gar nicht auf eine juristische Klärung einlassen.

Konkret: Welche Ziele hat der VS bisher erreicht, von welchen Errungenschaften profitieren wir heute?
Alle lassen sich hier gar nicht aufzählen. Die Künstlersozialkasse (KSK) ist eindeutig auf Betreiben des VS zustande gekommen. Und wird bis in jüngste Zeit gegen politische Angriffe verteidigt. Die VG Wort, der Deutsche Literaturfonds, herausragendste Fördereinrichtung zeitgenössischer Literatur, usw. trugen und tragen die Handschrift des VS. Der Normvertrag oder die Vergütungsregelung zwischen der Verlegerseite und dem VS hat Mindeststandards geschaffen. Alle Worturheber profitieren von diesen Ergebnissen, und das ist gut so. Man muss ja nicht Mitglied im VS sein und kann von seinem Engagement trotzdem Nutzen haben. Solidarität buchstabiert sich allerdings anders.

Dass der VS Teil der Gewerkschaft ver.di ist … freie Künstler, die sich gewerkschaftlich organisieren; das scheint ein Widerspruch zu sein. Wie passt das zusammen?
(lacht) Gar nicht. Es ist ein immerwährender Widerspruch, Einzelkämpfer und höchst individuelle Geister zu einer Solidargemeinschaft zu vereinigen. Aber die in die Weimarer Republik zurück reichende Geschichte des heutigen Schriftstellerverbands zeigt immer wieder die Notwendigkeit, dass die einzelnen Künstler auf eine starke gewerkschaftliche Organisation angewiesen sind. Das mag zu manchen Zeiten und individuell anders empfunden werden. Historisch und im Hinblick auf die Zukunft betrachtet sehe ich kein Modell, das eine brauchbare Alternative zur gewerkschaftlichen Orientierung aufzeigt. Die Möglichkeiten des Internets, Autorenforen zum Beispiel, könnten künftig neuartige Formen der Interessenvertretung von Schriftstellern hervorbringen. Es ist noch zu früh, konkret darüber zu philosophieren. Vage Ideen habe ich im Hinterkopf. Auch neue Strukturen würden der Anbindung an eine Gewerkschaft bedürfen.

Jetzt sind wir bei der Politik. Wie politisch sollte der VS idealerweise sein, oder auch: wie unpolitisch?
Eine sehr heikle Frage. Lassen sich Schriftsteller schon in rein berufspolitisch bezogenen sozialen und rechtlichen Fragen nicht leicht für einen Verband begeistern, gehen ihre Vorstellungen über Werte und Politik vollends in unzählige Richtungen. Als Vorsitzender setze ich mit Kooperationen trotzdem politische Wegmarken, die weitgehend akzeptiert werden. Mit dem P.E.N., mit amnesty international, mit NGOs gibt es Zusammenarbeit, die neben literarischen auch eindeutig politische Ziele verfolgt. Da sich unsere Mitgliedschaft aus dem gesamten demokratischen Parteienspektrum reüssiert, ist der Bewegungsspielraum eingegrenzt. Es gibt gemeinsame Nenner, dass man als Schriftsteller nämlich eine Mitverantwortung für die Freiheit des Worts, für Menscherechte, für humanistische Werte hat.
Gemeinsam mit dem „Bundesverband junger Autorinnen und Autoren“ (BVjA), dem „Ads Autorinnen & Autoren der Schweiz“ und der „IG Autorinnen Autoren“ aus Österreich hat der VS 2008 das „Fairlag – Aktionsbündnis für faire Verlage“ gegründet, dem sich inzwischen über 40 Schriftstellerverbände und literarische Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen haben. Was hat es mit diesem Bündnis auf sich?
Einmalig ist, dass Verbände und literarische Einrichtungen sich aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu einem Bündnis zusammengefunden haben. Das allein zeigt schon, dass es um ein brisantes Thema geht, das alle bewegt. Es gilt, einer höchst gefährlichen Entwicklung energisch entgegen zu treten. Urheber haben Jahrhunderte gebraucht, um zu erreichen, dass ihre Wortschöpfungen nicht nur einen ideellen Wert darstellen, sondern auch in barer Münze honoriert werden. Nun kommen gewiefte Firmen auf die Idee, mit dem geistigen Eigentum von Schriftstellern ausschließlich in die eigenen Taschen Geld zu scheffeln. So sehen Praktiken großer Druckkostenzuschussverlage aus. Darum werden sie auch als Pseudoverlage bezeichnet, weil sie das Verlagsprinzip auf den Kopf stellen. Eine skandalöse Entwicklung, gegen die Schriftsteller und Verbände schon immer gewettert haben. Mit dem Aktionsbündnis erwächst die Chance, schmarotzerische Krämerseelen aus den Kulturtempeln zu jagen. Kein Bauer käme auf die Idee, seine mühsam erarbeiteten Produkte anzubieten, wenn er für seine Leistung nicht bezahlt würde, sondern statt dessen der Händler von ihm noch eine Stange Geld verlangen würde. Das wäre hirnrissig. Was für die Agrikultur gilt, muss für die Kultur ebenso gelten.

Eine letzte Frage zum VS: Wenn du in einem Satz junge Autoren überzeugen möchtest, Mitglied im Verband zu werden, womit würdest du sie motivieren?
Puh! Ein Roman in einem Satz? Aber es ist höchst spannend und effizient, berufliche Zukunftsfelder gemeinsam zu bestellen.

2008 hat der VS eine Zusammenarbeit mit der Pan African Writers‘ Association (PAWA) begonnen. Dabei bist du in Ghana gewesen. Wie ist dein Eindruck der afrikanischen Literatur? Welches dein persönlicher Zugang zu Afrika?
In den 80er Jahren führte mich meine erste Reise in den Osten des Kontinents, und ich fand es reizvoll, die „Wiege der Menschheit“ kennen zu lernen. Es war eine mehrwöchige, abenteuerliche Reise, allein, auf eigene Faust. Seither habe ich einige Regionen und Länder besucht. Ich bewundere die „Andersartigkeit“ afrikanischer Literaturen. Ein Verständnis der Welt, das in seiner Ursprünglichkeit von unseren europäischen Weltanschauungen stark differiert. Und uns wunderbar bereichern kann. Auch wenn man die Vielfalt der Literaturen Afrikas (und anderer Erdteile) nur punktuell kennen lernen kann. Um so wichtiger ist der Austausch zwischen afrikanischen Schriftstellerverbänden und ihren Mitgliedern und dem VS.

Du hältst viele Vorlesungen. Insbesondere arbeitest du auch an und mit Schulen. Was genau tust du, und wie bist du dazu gekommen?
Lesungen in Schulen und kreatives Schreiben mit Schülern sind dabei meine Hauptbetätigungsfelder. Ich arbeite gern mit Kindern und Jugendlichen. Manchmal lieber als mit Erwachsenen. Deren Eingebildetheit und Selbstherrlichkeit hat mir schon als Kind gestunken. An diesem Punkt hat sich bis heute wenig geändert. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen die von Janusz Korczak „Das Recht des Kindes auf Achtung“ und „Wie man ein Kind lieben soll“. Ein herausragender Pädagoge und Schriftsteller. Ich spreche zwar selten von Idolen. Korczak ist vorbildlich. Ihm versuche ich nachzueifern.
Wenn man weiß, an wie vielen Fronten du gleichzeitig tätig bist, wenn man sich die Menge der Arbeit und das Übermaß an ständiger Koordination vergegenwärtigt, die deine Arbeit verlangt, wie kommst du noch selbst dabei zum Schreiben? Muss die eigene Kreativität dabei zwangsläufig zurückstecken? Oder ist deine Arbeit einfach eine ausreichende alternative Ausdrucksmöglichkeit?
Man kompensiert viel, gewiss. Und es ist ein – schwacher – Trost, dass das Zurückstellen literarischer Kreativität ein stärkeres Engagement für andere Werte ermöglicht. Ahnungslose meinen, man würde sich für Verbandsaufgaben so stark engagieren, weil die literarische Kreativität versiegt wäre. Es ist ganz anders. Man auferlegt sich manchmal Aufgaben und nur selber weiß man warum. Seit meiner Jugend sammele ich, regelmäßig Tagebuch schreibend, Material. Wenn‘s am Ende nicht langen sollte, es selber auszuwerten, na ja … Bin nach fünf Lebensjahrzehnten noch immer „Un-GAR“, wie eines meiner Bücher heißt, und mag über vielerlei Ehrgeiz des Lebens lachen.

Kannst du dir vorstellen, dich in den nächsten Jahren wieder vollkommen auf dein eigenes Schreiben zurückzuziehen?
Ich sehne mich danach, viel mehr ungebunden schreiben zu können. Seit 1987 mache ich ununterbrochen Vorstandsarbeit im VS, mit ständig wachsenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Einerseits ein sinnvoller Weg, der die Erfahrungen vieler fokussiert und weiter transportiert. Andererseits halten mir Freunde vor, hätte ich diese Energie hauptsächlich ins Schreiben investiert …, nun ja, es gibt „ver-rücktere“ Lebensentwürfe. „Ich frage nicht, was ich werde. Ich werde sein.“ Wunderbare Sätze aus Hölderlins Hyperion. Ich bilde mir nicht ein, dass ich an solcher Genialität auch nur kratzen könnte. Aber ich hoffe, ich werde mich mit mehr Akribie und Demut als in den letzten Jahren aufs Schreiben zurückverlegen.
Befreit von allen Zwängen des Marktes, was wäre das Buch, das du am liebsten schreiben würdest?
Ach, schwärmerisch schwingend zwischen Parallelwelten eine göttliche Tragikomödie anzusiedeln, die von kindlicher Lust und Frust des Seins in diesem grandiosen – uns eingebildeten Geschöpfen noch völlig unbekannten – Universum weinlachend erzählt. Wenn der Zug der Selbstzerstörung mit uns blinden Passagieren nicht eh schon längst abgefahren sein sollte. Aber klar, den Apfelbaum pflanzen, den Text seines Herzens zu Papier bringen muss man trotzdem.

Und zuletzt: Welche Weisheit, welche Richtlinie, welche Empfehlung würdest du jungen Autoren gerne mit auf den Weg geben.
(lachend) Puh stellst Du schwierige Fragen! Wenn der Herzenstext nicht schon eine Antwort war, dann vielleicht so: Es ist schön und macht Sinn, auf diesem einsamen Weg sich mit wenigen gleich gesinnten Wanderern manchmal respektvoll auszutauschen.

Lieber Imre, danke für das Interview!

*Das Gespräch wurde für das Montségur Autorenforum geführt.

 

■ Norddeutscher Rundfunk, 18.12.2018 im Kulturspiegel auf NDR1, von Gerhard Snitjer

https://www.ndr.de/ndr1niedersachsen/podcast3048.html…

„Da steckt ein ganzes epochales Gemälde drin. Die Lebenswelt einer Familie auf einem gut funktionierenden Bauernhof in Ostpreußen in den 30er Jahren: Äcker, Tiere, Arbeit, Gerätschaften, Essen und Trinken, Kindheit, Schulzeit, Kirchgang, Nachbarschaft, Sitten und Gebräuche. Und über allem die politische Lage, der Krieg, die Vertreibung. Und schließlich die Erfahrungen der Fremdheit im Westen Deutschlands, unter anderem in Oldenburg und Vechta. Das mittlere Drittel des Buches kommt daher wie ein sachkundig geführter Rundgang durch ein kulturhistorisches Museum.
Das sprengt – ebenso wie viele weitere Elemente – die Form eines herkömmlichen Romans.
Die sprunghafte Erzählweise des Autors, eine ausschweifende Sprache und viele gedankliche Exkurse machen es Lesern nicht leicht, beide Handlungsfäden zu verfolgen und zu sortieren; chronologisch oder geographisch. Und oft verlieren sich die zwei getrennt verlaufenden Lebensgeschichten in Details, die die Frage aufwerfen, was haben er und sie eigentlich miteinander zu tun? Es gibt eine Antwort darauf.
Zwar ist Adam in Polen auf der Suche nach seiner Familiengeschichte, Tina in derselben Gegend auf der Suche nach einem neuen Kunstprojekt. Doch beide finden, was sie suchen. Und sie finden schließlich auch einander. Nein nicht in einer Liebesgeschichte. Ganz anders. Aber das muss hier nicht verraten werden. Entscheidender ist: Hier hat ein Gegenwartsautor sich auf das kollektive Trauma seiner Elterngeneration eingelassen. Und auf die Erkenntnis, dass dieses Trauma auch 80 Jahre später keineswegs ausgestanden ist.“
(Norddeutscher Rundfunk, 18.12.2018 im Kulturspiegel auf NDR1, von Gerhard Snitjer)

Marco Sagurna: „Warmia“. Roman. Prima Verba Debütpreis 2018. Pop Epik-Reihe. Band 91. ISBN: 978-3-86356-228-1, 382 Seiten, €[D]23,50

Link (so ab Minute 16:30 Uhr):
https://www.ndr.de/ndr1niedersachsen/podcast3048.html…

■ Josef Balazs. «Die Kälte der Existenz in der Vertikalen». Das „Nürnberger Interview“
ELF Fragen an den Dichter Horst Samson

In einem Flügel des ehemaligen Kreuzganges des Katharinen Klosters befindet sich das Zeitungs-Café. Hier kann man in den unterschiedlichsten Journalen blättern, aber auch gute Gespräche mit Freunden führen. So trafen sich vor der eigentlichen Lesung der Dichter Horst Samson und Josef Balazs, der seine ELF Fragen dem Autor vorlegte. Es entspannte sich ein Dialog über das Schreiben, über Poesie, über Gott und die Welt.

Wenn Sie einem Außerirdischen den Begriff Lyrik bzw. Poesie erklären müssten, womit würden Sie anfangen … wo enden?

Ich würde sagen, Poesie als Dichtung im Format der Lyrik ist der sprachlich und philosophisch konzentrierte Blick eines Menschen auf sich und die Welt, die er in seinem Hirn filtert, um herauszufinden, was sie und was ihn im Innersten zusammenhält. Im Unterschied zur Prosa, die unter der Invasion von Vokabeln leidet, steckt im Gedicht, wie ich es verstehe, die existentielle Quintessenz des Da-Seins. Deshalb besteht die Notwendigkeit und die Kunst der Dichtung nach meinem Verständnis darin, Sprache bis zum Bersten mit Sinn aufzuladen und darin, wie in einem Samenkorn, die Schönheit und das Feuer, aber auch die Kälte der Existenz in der Vertikalen zu archivieren, damit die Saat der Sprache in Form von Gedanken, Bildern, Metaphern, Rhythmus, Melodik und Weiterungen aller Art immer wieder neu aufgehen kann. Das Gedicht weiß über mich mehr als ich selber. Hilde Domin hat es in ihrem legendären Buch „Doppelinterpretationen“ festgeschrieben: Das Gedicht ist mehr als die Summe all seiner möglichen Interpreta-
tionen. Unfassbar steckt in der Tiefe des gelungenen Gedichtes ein Rest vom Drama des menschlichen Hierseins. In jenem finsteren Verlies brennt das Leben als Licht und wirft wechselhafte Schatten an die Innenseite unserer Existenz. Emily Dickinson soll über sich gesagt haben, dass sie in Gegenwart eines echten Gedichtes von so viel Kälte durchrieselt wird, dass kein Feuer sie mehr erwärmen könne. Ich meine von mir, ein fröhlicher Zeitgenosse zu sein, aber im Grunde, wenn ich Gedichte schreibe, daran schleife, sie kürze, vernichte oder überschreibe, dann gleite ich in einer andere Welt und ich lege meine Fröhlichkeit ab wie einen Rucksack, der mich am Weiterkommen, an der Selbsterforschung meiner Sprache und Seele hindert. Vor der Ernsthaftigkeit des Seins, der Weltbetrachtung und –beachtung verliere ich mitunter jede Heiterkeit und der Geist, so sah es auch Cioran, tritt als Spielverderber auf.

Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?

Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Innsbruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja,. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.
Würden Sie sich als einen toleranten Menschen bezeichnen? Haben Sie eine Toleranzgrenze?
Ich versuche es, tolerant zu sein. Gegenüber Intoleranz aber fällt mir das schwer. Ich bin nicht Jesus und habe selbstverständlich eine Toleranzgrenze, also die zweite Backe, die halte ich nicht hin. Ich habe so gut wie immer eine eigene Meinung, vielleicht nicht immer die richtige. Aber meine Meinung halte ich hoch und versuche sie auch durchzusetzen, bin also fürwahr kein Weiser, der in sich ruht und allem zustimmt, weil er sich mit nichts identifiziert.

Haben Sie versucht denen zu verzeihen, die Ihnen Schlechtes wollten?

Ja, ich habe es versucht. Meinem ehemaligen Redaktionskollegen und ehemaligen Freund Franz Thomas Schleich, der unter dem Decknamen „Voicu“ als krimineller Verräter für die Securitate, den berüchtigten rumänischen Geheimdienst, Berichte geschrieben hat, die mich für Jahrzehnte ins Gefängnis hätten bringen können, wollte ich verzeihen. Obwohl er sogar als er schon in Deutschland lebte, mich noch immer bei der Securitate verpfiffen und angeschwärzt hat. Das ist unglaublich, aber wahr. Andererseits schickte er mir nach Temeswar Ansichtskarten und herzliche Grüße, unter anderem aus dem Urlaub in Griechenland, um mich gleich danach wieder zu verraten. Ich verstehe das bis heute nicht, ein vielleicht krankhafter Trieb. Nachdem ich 2009, wegen der vom „Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München organisierten internationalen Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ meine nahezu tausendseitige Akte eingesehen habe und ihn als „Voicu“ aufgrund der mir zugedachten Widmungen in seinen Gedichtbänden identifizieren konnte, schrieb ich ihm – nach einigem Zögern, weil ich mich wegen seines Verrats schämte, einen Brief, keine E-Mail, ich schrieb ihm einen Brief und teilte ihm mit, dass ich ihn als „Voicu“ identifiziert habe. Im nächsten Satz bot ich ihm an, den Verrat zu verzeihen, da es lange her sei und letztendlich, bei aller durchgestandenen Angst, gut ausgegangen ist. Ich wollte aber im Gegenzug von ihm wissen, mit ihm darüber reden, warum er es getan hat, wieso? Seine Antwort bestand in einer E-Mail mit evasiven Sätzen und nebulösen Ausflüchten. Darauf antwortete ich ihm, ebenfalls per E-Mail, dass ich enttäuscht bin darüber, dass er sich dem offenen Gespräch entziehe und mich wieder einmal verrate, mich mit meinen Fragen und Problemen allein lasse. Das war dann das Ende unserer Freundschaft.

Welcher der zwei Begriffe ist Ihnen näher: Heimat oder Vaterland? Oder vielleicht Vaterländer?

Beides sind Begriffe, die in meiner Dichtung Bedeutung haben. Heimat ist mir der wichtigere als das große Vaterland, obwohl ich in einem Gedicht geschrieben habe: „Heimat ist / ein sehr kleines Land“. Ich habe aber auch den Satz von Emil Cioran im Ohr, „Leben heißt Boden verlieren“ aus seinem Buch „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Und würde dem auf jeden Fall hinzufügen: Aber Leben heißt auch Sprache finden. Und für mich als Dichter bedeutet das Landgewinn. Ins Populärwissenschaftliche verschoben: Eine Tür fällt zu, eine andere öffnet sich, und zwar zu einem Raum, aber einem Raum mit einem Fenster mehr. Darin liegt die Erkenntnis, die Magie und der Gewinn des Scheiterns.

Sind Sie der Meinung, dass Sie Humor haben? Worüber können Sie lachen?

Ich lache gerne, auch über mich, ich kann buchstäblich Tränen lachen. Selbst in den Tagen der Emigration blieb meine Fröhlichkeit nicht an den zurückgelassenen Gräbern oder den verlorenen Habseligkeiten hängen. Meine Schreibmaschine hat mir der Offizier an der Grenze abgenommen, aber gegen meine Erinnerungen war er machtlos. Die hat er nicht gefunden. Ich nahm sie alle unbefingert mit ins Exil. So war ich selbst dort, also da, nicht allein, als mich die CIA im Nürnberger Durchgangslager Dutzendteich Tage lang mit Fragen löcherte und drangsalierte, in jenen Tagen des Ankommens, was im Prinzip ein Euphemismus und rein physisch zu verstehen ist, weil das Ankommen viel, viel länger gedauert hat, vielleicht sogar heute fortdauert. Jede Flucht, schrieb ich mal, hat einen Anfang, aber kein Ende. Das ist meine Erfahrung. Auch darüber schreibe ich. Wieder und wieder. Ich bin von mir überzeugt, dass ich auch Humor habe. Sogar im Gedicht. In „Bewerbung um die vakante Stelle im Pelagos-Projekt“, mein 2007 von der „Gesellschaft zum Schutz der Delfine“ als „Bestes Delfingedicht“ preisgekröntes Werk, ist mehr als nur der Beweis dafür.
Alles preisgeben. Das Gegenteil wäre das Geheimnis. Lieben sie das Geheimnis?
Ich könnte jetzt antworten, ich liebe meine Frau. Aber Geheimnisse sind nicht so ganz meine Sache, obwohl man manchmal gar nicht drum herum kommt, welche zu haben oder sogar zu hüten. Ich bin gerne ein offener Mensch mit offenen Ansichten und offenem Visier.
Haben Sie einen gewissen Lyrik-Leser vor sich, wenn Sie Ihre Texte schreiben?
Ja, das habe ich, und zwar einzig und allein mich selber!
Haben Sie Angst nicht gelesen zu werden?
Angst ist das falsche Wort. Aber ich bedauere es, dass nicht die ganze Welt meine Gedichte liest und kennt, denn es ist Weltliteratur. Dafür lege ich die Hand und den Verstand ins Feuer. Ich habe einige verlässliche Freunde, die mir helfen, da und dort mit Gedichten anzukommen, aber ich habe keine Lobby, die mir hilft, groß bekannt zu werden. Und mit dem Pop Verlag habe ich auch nur einen klitzekleinen Ein-Mann-Verlag im Rücken, der finanziell keinen einzigen Sprung machen kann. Wichtige Institutionen, wie zum Beispiel das Lyrik-Kabinett in München, laden mich nicht ein. Fragen Sie mich nicht warum, ich weiß es nicht. Vielleicht interessiert man sich dort nur für eine bestimmte Lyrik, von bestimmten Dichtern, bestimmten Verlagen. Ich habe keine Ahnung, wie der Betrieb in Wahrheit funktioniert. Ich stehe außerhalb dieses Lyrik- und Literaturhausbetriebes, ein Steppenwolf aus der fernen Bărăgansteppe, wo mich die Welt zum ersten Mal sah – ein literarischer Einzelgänger, ein Fremder im eigenen Satz.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat in seinen Tagebüchern themenbezogene Fragebögen formuliert; darunter auch die Bereiche Heimat, Freundschaft, Tod. (Das sind drei wichtige Themen, die auch in Ihrer Lyrik vorkommen.) Eine seiner Fragen lautet: halten Sie sich für einen guten Freund? Oder: haben Sie Freunde unter den Toten? Wir ergänzen: Spielt Freundschaft in Ihrem Leben eine Rolle? Haben Sie Freunde im Laufe der Jahre verloren?

Ich habe Freunde unter den Toten, Rolf Bossert, Petre Stoica, Nikolaus Berwanger, aber – Gott sei Dank – auch unter den Lebenden. Gute Freunde, die mir wichtig sind, Andreas Saurer, Johann Lippet, Theodor Vasilache, Traian Pop, Marie-Elisabeth Lüdde und einige andere noch. Es ist wie im richtigen Leben, du verlierst auch mal alte Freunde, zum Beispiel die nobelierte Herta Müller, und du findest neue Freunde, zum Beispiel Katharina Kilzer, manchmal aber auch die alten Freunde wieder, zum Beispiel Richard Wagner. Das ist der Lauf der Dinge, der Welt und der brüchigen Freundschaft.
Ihr letzter Gedichtband „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ ist 2014 erschienen. Wann können Ihre Leser mit einem neuen Gedicht-Band rechnen?
Ich habe 2013 „Kein Schweigen bleibt ungehört“ veröffentlicht, ein Gedichtband, den die Literaturgesellschaft Hessen ausgezeichnet hat, und 2014 den erwähnten Band „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ herausgebracht. Ich habe noch viele Gedichte in der Schublade. Und ich schreibe ab und zu auch neue Gedichte, bearbeite alte oder beuge mich über einen der Schachteln füllenden Zettel mit Notizen für Gedichte. „In der Sprache brennt noch Licht“ habe ich als Arbeitstitel vor mir und das Motto steht, es stammt aus der zehnten Tafel des Gilgamesch-Epos und lautet: «Gilgamesch, wohin läufst du? / Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden!«

Lieber Horst Samson, wir danken für das Gespräch und wünschen, dass in ihrer Sprache, in ihren Versen noch lange Licht brenne!

Barbara Zeizinger. Gespräch mit Bernd Kebelmann über sein Buch Blind Date mit Ägypten

Wir sprechen über deinen Reiseroman »Blind Date mit Ägypten«. Er beschreibt eine vierzehntägige Gruppenreise durch das Land, und die einzelnen Kapitel entsprechen dem Verlauf der Reise. Schildere doch bitte, inwiefern das Buch ein Reisebericht und inwiefern es ein Roman ist.

Ein Reisebericht, wenn er seinen Zweck erfüllen soll, würde sich an Fakten halten, den Blick von außen auf Land und Leute, Architektur und Geschichte bedienen. Ich denke, in meinem Buch geschieht das Gegenteil: der Autor als Entdecker setzt sich ins Flugzeug und weiß so gut wie nichts über sein Reiseziel, abgesehen vom Schulwissen über die Pharaonen. Doch die Eindrücke sind so stark, überraschend und überwältigend, dass sich eine völlig neue Welt vor dem Leser erschließt, „gesehen“ mit den Augen des Autors, ich sollte sagen: gehört, ertastet, gerochen. Die Perspektive ändert sich ständig, der Autor selbst entwickelt sich mehr und mehr zum Kenner, Liebhaber und Genießer – wenn das kein Roman ist!

Was hat dich bewogen, über diese Reise ein Buch zu schreiben? Hast du die Reise mit dem Ziel angetreten, ein Buch darüber zu schreiben oder hast du dich erst in Ägypten dazu entschlossen?

Ich hätte mich nie getraut, vor der Reise daran zu denken; mein Wissen wuchs erst mit der Reise und mit den Recherchen, die ich vor allen Dingen nach der Reise begonnen habe, abgesehen von ein paar Büchern, die uns zum Lesen empfohlen wurden, wie Nagib Machfus, z. B. Die Kinder unseres Viertels, etc.

Aus deinen Beschreibungen spricht eine gewisse Begeisterung für das Land. Was hat dich an Ägypten am meisten fasziniert?

Das sehr lebendige, laute und sehr orientalische Alltagsleben, verbunden mit dem Erleben von viertausend Jahren Geschichte, nicht einer, sondern von drei Religionen, deren Erzählungen, Architekturen, von den Pyramiden über syrische Wüstenklöster und koptische Kirchenbauten, von altägyptischen Tempeln bis zu „modernen“ Moscheen. Es ist die Mischung der langen Geschichte mit dem quirligen Alltag von heute, der faszinierend bleibt, aber auch anstrengend ist.
Warum hast du den Titel »Blind Date« gewählt. Ist er so doppeldeutig gemeint, wie ich ihn aufgefasst habe?

Es gab andere Titelideen, die mehr auf den Inhalt des Buches abstellen, z. B. „Vier Reiche von dieser Welt“, gemeint sind die drei großen Religionen, die hier praktiziert worden sind und werden, das vierte „Reich“ ist jenes der Armut, das wohl auch älter ist als wir meinen, aber es ist präsent. Der jetzige Titel ist natürlich doppeldeutig, aber das »Date« im Sinne von einem Rendezvous meint die nahe, unmittelbare Begegnung mit den Ägyptern selbst, sehr rücksichtsvoll, aber laut, aufdringlich, aber schlau, geschäftstüchtig, aber liebenswürdig; man muss sie mögen und auf der Hut sein. Soviel kann man, glaube ich, nicht nach jedem »Date« heutiger Art von seinem Partner sagen.

An deinem Roman haben mir besonders die sehr poetischen Bilder gefallen, mit denen du Stimmungen beschreibst. Oft ist dabei vom Nil die Rede, von den Farben des Lichts, von der Sonne. Ich habe mich dabei gefragt, wie das ein blinder Autor macht, diese Wahrnehmungen einzufangen.

Ich bin erst mit Mitte Dreißig soweit erblindet, dass ich darauf verzichten musste, Farben und Formen wahrzunehmen, und es war ein Prozess, der bis heute dauert. So gesehen, habe ich viel von der Welt gesehen, kann Farben erinnern und denke nicht daran, mich in der Beziehung selbst zu beschränken. Bei vielen meiner Bücher spielt die Blindheit auch keinerlei Rolle. Im Ägyptenbuch gehört sie dazu, als Perspektive und Ausgangspunkt für eine ganz besondere, einmalige Erfahrung, die man eben nur aus der Nähe, mit Händen begreifend, überhaupt machen kann.

Andere Stellen, die mich berührt haben, sind die, in denen du beschreibst, wie du dich durch Abtasten den Dingen, beispielsweise Hieroglyphen, näherst. Ist es ein bisschen so, wie du sagts, als würde man Brailleschrift lesen?

Die Frage ist praktisch beantwortet, wobei das Beispiel der Brailleschrift insofern stimmt, da diese Schrift einen hohen ästhetischen Anspruch hat und erfüllt. Sie hat grafische Qualitäten, die auch Sehende manchmal zu schätzen wissen. Es gibt bildende Künstler, die diese Schrift als Sujet benutzen. Als Blinder gilt dies umgekehrt: ein Schriftzeichen, das man im Grunde nicht tasten, sondern „nur“ begreifen kann, ist ein Symbol für so vieles, hat seine Bedeutung, seine Geschichte, hat ein Alter von zigtausend Jahren, ist ein feines kleines Kunstwerk, jedes einzelne, jedes für sich.

Du hast jedem Kapitel ein Haiku vorangestellt. Habe ich das richtig gesehen, dass du damit jeweils das folgende Kapitel reflektierst oder kommentierst?

Ja, ich versuche es. Aber auch hier geht es um die strenge Form, die vorgegeben ist. Darin ähnelt es eben wiederum auch den Hieroglyphen. Haiku haben ja einen profanen Ursprung, die Minne der Japaner aus ihrem Mittelalter, Hieroglyphen sind, waren »heilige Texte«; meine Dreizeiler zu Beginn der Kapitel möchten dazwischen vermitteln.

Du beschreibst auch witzige Situationen und Verhaltensweisen von deinen Reisebegleitern. Ich nehme an, das ist eine Mischung von Dichtung und Wahrheit. Oder?

Dies ist ein Roman, und die Frage, wie weit er den Ablauf jedes einzelnen Tages, jeden Satz, das Verhalten der Reisenden wahrheitsgemäß beschreibt, ist im Grunde müßig. Es geht darum, meine Reisebegleiter so lebendig und abwechslungsreich wie möglich, aber auch realistisch, charaktervoll ins Bild zu setzen, Abwechslung hineinzubringen; dabei steht die Frage nach dem Protokoll ganz am Schluss.

Das Buch enthält eine Fülle von Informationen, die in einem ausführlichen Anhang noch weiter erklärt werden. Falls jemand eine Ägyptenreise plant, sollte er deiner Meinung nach »Blind Date mit Ägypten« vor oder nach der Reise lesen?

Das ist Geschmackssache. Ich wäre schon zufrieden, wenn das Buch als Anregung dient, auf dieses Land, eines der wenigen, das Menschheits- und Zivilisationsgeschichte in sich vereint, neugierig zu machen. Ganz bequeme oder ängstliche Leute mögen es als Reiseersatz, stellvertretend für eine Reise lesen, die heute noch etwas unsicherer als zu meiner Zeit werden könnte, mutige Leute mögen sich nach dem Lesen erst recht auf den Weg machen. An dieser Stelle ist wichtig zu sagen, dass es immer und überall auf eine gute, kompetente und wissende Reisebegleitung ankommt; mit Karla M. und Mustafa waren wir auf unserer Fahrt dabei mehr als verwöhnt! Noch einmal ausdrücklich mein Dank!

Zum Ende unseres Gesprächs noch ein Zitat von Aldous Huxley: »Reisen bedeutet herauszufinden, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.« Würdest du mit Blick auf deine Reise, diesem Zitat zustimmen?

Es kommt darauf an, welchen Quellen das Denken über andere Länder entstammt. Wir wüssten auch heute sehr wenig über diese Welt, wollten wir nur das akzeptieren, was wir uns selber erreisen können. Aber das Wissen im Sinne von überzeugt sein, ist nur durch Reisen zu vermehren. Das Denken, Nachdenken über ein Land bleibt weit dahinter zurück.

Bernd, vielen Dank für das Gespräch.

■ Helga König im Gespräch mit dem Schriftsteller Imre Török über seinen Roman „Die Königin von Ägypten in Berlin“