Interview

Interview

Barbara Zeizinger. Gespräch mit Bernd Kebelmann über sein Buch Blind Date mit Ägypten

Wir sprechen über deinen Reiseroman »Blind Date mit Ägypten«. Er beschreibt eine vierzehntägige Gruppenreise durch das Land, und die einzelnen Kapitel entsprechen dem Verlauf der Reise. Schildere doch bitte, inwiefern das Buch ein Reisebericht und inwiefern es ein Roman ist.

Ein Reisebericht, wenn er seinen Zweck erfüllen soll, würde sich an Fakten halten, den Blick von außen auf Land und Leute, Architektur und Geschichte bedienen. Ich denke, in meinem Buch geschieht das Gegenteil: der Autor als Entdecker setzt sich ins Flugzeug und weiß so gut wie nichts über sein Reiseziel, abgesehen vom Schulwissen über die Pharaonen. Doch die Eindrücke sind so stark, überraschend und überwältigend, dass sich eine völlig neue Welt vor dem Leser erschließt, „gesehen“ mit den Augen des Autors, ich sollte sagen: gehört, ertastet, gerochen. Die Perspektive ändert sich ständig, der Autor selbst entwickelt sich mehr und mehr zum Kenner, Liebhaber und Genießer – wenn das kein Roman ist!

Was hat dich bewogen, über diese Reise ein Buch zu schreiben? Hast du die Reise mit dem Ziel angetreten, ein Buch darüber zu schreiben oder hast du dich erst in Ägypten dazu entschlossen?

Ich hätte mich nie getraut, vor der Reise daran zu denken; mein Wissen wuchs erst mit der Reise und mit den Recherchen, die ich vor allen Dingen nach der Reise begonnen habe, abgesehen von ein paar Büchern, die uns zum Lesen empfohlen wurden, wie Nagib Machfus, z. B. Die Kinder unseres Viertels, etc.

Aus deinen Beschreibungen spricht eine gewisse Begeisterung für das Land. Was hat dich an Ägypten am meisten fasziniert?

Das sehr lebendige, laute und sehr orientalische Alltagsleben, verbunden mit dem Erleben von viertausend Jahren Geschichte, nicht einer, sondern von drei Religionen, deren Erzählungen, Architekturen, von den Pyramiden über syrische Wüstenklöster und koptische Kirchenbauten, von altägyptischen Tempeln bis zu „modernen“ Moscheen. Es ist die Mischung der langen Geschichte mit dem quirligen Alltag von heute, der faszinierend bleibt, aber auch anstrengend ist.
Warum hast du den Titel »Blind Date« gewählt. Ist er so doppeldeutig gemeint, wie ich ihn aufgefasst habe?

Es gab andere Titelideen, die mehr auf den Inhalt des Buches abstellen, z. B. „Vier Reiche von dieser Welt“, gemeint sind die drei großen Religionen, die hier praktiziert worden sind und werden, das vierte „Reich“ ist jenes der Armut, das wohl auch älter ist als wir meinen, aber es ist präsent. Der jetzige Titel ist natürlich doppeldeutig, aber das »Date« im Sinne von einem Rendezvous meint die nahe, unmittelbare Begegnung mit den Ägyptern selbst, sehr rücksichtsvoll, aber laut, aufdringlich, aber schlau, geschäftstüchtig, aber liebenswürdig; man muss sie mögen und auf der Hut sein. Soviel kann man, glaube ich, nicht nach jedem »Date« heutiger Art von seinem Partner sagen.

An deinem Roman haben mir besonders die sehr poetischen Bilder gefallen, mit denen du Stimmungen beschreibst. Oft ist dabei vom Nil die Rede, von den Farben des Lichts, von der Sonne. Ich habe mich dabei gefragt, wie das ein blinder Autor macht, diese Wahrnehmungen einzufangen.

Ich bin erst mit Mitte Dreißig soweit erblindet, dass ich darauf verzichten musste, Farben und Formen wahrzunehmen, und es war ein Prozess, der bis heute dauert. So gesehen, habe ich viel von der Welt gesehen, kann Farben erinnern und denke nicht daran, mich in der Beziehung selbst zu beschränken. Bei vielen meiner Bücher spielt die Blindheit auch keinerlei Rolle. Im Ägyptenbuch gehört sie dazu, als Perspektive und Ausgangspunkt für eine ganz besondere, einmalige Erfahrung, die man eben nur aus der Nähe, mit Händen begreifend, überhaupt machen kann.

Andere Stellen, die mich berührt haben, sind die, in denen du beschreibst, wie du dich durch Abtasten den Dingen, beispielsweise Hieroglyphen, näherst. Ist es ein bisschen so, wie du sagts, als würde man Brailleschrift lesen?

Die Frage ist praktisch beantwortet, wobei das Beispiel der Brailleschrift insofern stimmt, da diese Schrift einen hohen ästhetischen Anspruch hat und erfüllt. Sie hat grafische Qualitäten, die auch Sehende manchmal zu schätzen wissen. Es gibt bildende Künstler, die diese Schrift als Sujet benutzen. Als Blinder gilt dies umgekehrt: ein Schriftzeichen, das man im Grunde nicht tasten, sondern „nur“ begreifen kann, ist ein Symbol für so vieles, hat seine Bedeutung, seine Geschichte, hat ein Alter von zigtausend Jahren, ist ein feines kleines Kunstwerk, jedes einzelne, jedes für sich.

Du hast jedem Kapitel ein Haiku vorangestellt. Habe ich das richtig gesehen, dass du damit jeweils das folgende Kapitel reflektierst oder kommentierst?

Ja, ich versuche es. Aber auch hier geht es um die strenge Form, die vorgegeben ist. Darin ähnelt es eben wiederum auch den Hieroglyphen. Haiku haben ja einen profanen Ursprung, die Minne der Japaner aus ihrem Mittelalter, Hieroglyphen sind, waren »heilige Texte«; meine Dreizeiler zu Beginn der Kapitel möchten dazwischen vermitteln.

Du beschreibst auch witzige Situationen und Verhaltensweisen von deinen Reisebegleitern. Ich nehme an, das ist eine Mischung von Dichtung und Wahrheit. Oder?

Dies ist ein Roman, und die Frage, wie weit er den Ablauf jedes einzelnen Tages, jeden Satz, das Verhalten der Reisenden wahrheitsgemäß beschreibt, ist im Grunde müßig. Es geht darum, meine Reisebegleiter so lebendig und abwechslungsreich wie möglich, aber auch realistisch, charaktervoll ins Bild zu setzen, Abwechslung hineinzubringen; dabei steht die Frage nach dem Protokoll ganz am Schluss.

Das Buch enthält eine Fülle von Informationen, die in einem ausführlichen Anhang noch weiter erklärt werden. Falls jemand eine Ägyptenreise plant, sollte er deiner Meinung nach »Blind Date mit Ägypten« vor oder nach der Reise lesen?

Das ist Geschmackssache. Ich wäre schon zufrieden, wenn das Buch als Anregung dient, auf dieses Land, eines der wenigen, das Menschheits- und Zivilisationsgeschichte in sich vereint, neugierig zu machen. Ganz bequeme oder ängstliche Leute mögen es als Reiseersatz, stellvertretend für eine Reise lesen, die heute noch etwas unsicherer als zu meiner Zeit werden könnte, mutige Leute mögen sich nach dem Lesen erst recht auf den Weg machen. An dieser Stelle ist wichtig zu sagen, dass es immer und überall auf eine gute, kompetente und wissende Reisebegleitung ankommt; mit Karla M. und Mustafa waren wir auf unserer Fahrt dabei mehr als verwöhnt! Noch einmal ausdrücklich mein Dank!

Zum Ende unseres Gesprächs noch ein Zitat von Aldous Huxley: »Reisen bedeutet herauszufinden, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.« Würdest du mit Blick auf deine Reise, diesem Zitat zustimmen?

Es kommt darauf an, welchen Quellen das Denken über andere Länder entstammt. Wir wüssten auch heute sehr wenig über diese Welt, wollten wir nur das akzeptieren, was wir uns selber erreisen können. Aber das Wissen im Sinne von überzeugt sein, ist nur durch Reisen zu vermehren. Das Denken, Nachdenken über ein Land bleibt weit dahinter zurück.

Bernd, vielen Dank für das Gespräch.